Leipziger Industriebier (Gastbeitrag)

Schattenbier_IndustriebierDie LVZ-Doppelseite zum Thema Braustadt Leipzig hat einiges an Staub aufgewirbelt. Vor allem in der Leipziger Homebrewer-Szene. Die Kritik richtete sich gegen die Hofberichterstattung für Sternburger und das Vernachlässigen anderer zarter Brauerpflänzchen. Deshalb veröffentlichen wir hier gern einen Gastbeitrag eines befreundeten Hopheads. Clarknova ist Heimbrauer aus Leipzig, bloggt jedoch selten über Bier sondern hauptsächlich hier über Literatur, Kunst und Kultur.Seine Generalkritik an der LVZ-Soppelseite ist sehr lesenswert. Er spricht über Industriebier – und er tut das ehrlich und direkt. Wir teilen seine Meinung zum Geschmack dieser Biere und versichern an dieser Stelle: Eigentlich liebt clarknova Bier. Viel Spaß mit seinem Beitrag.

 

Zwei oder drei Worte zur Indiebrew UG
Gastbeitrag gesendet von der Novastation

Im Germanistinnenwerk habe ich mich kürzlich zur Leipziger Biertradition bzw. Bierkultur geäußert, angestachelt von der Berichterstattung in der LVZ (Ausgabe vom Dienstag, 4.3.2014). Dabei ist mir nicht nur aufgefallen, dass das Stadtblatt Nr.1 im Prinzip nichts weiter betrieb als PR für das geschmacklich indiskutable Sternburg Export, sondern für so manche Kleinbrauerei, die zur Leipziger Bierkultur beiträgt nur Nebensätze übrig hatte oder sie schlicht unerwähnt ließ. So auch die 2010 (? – das Fragezeichen erklärt sich im nächsten Absatz von selbst) in Leipzig gegründete Indiebrew UG, die eine helles Industriebier und eine dunkles Totengräber Schattenbier anbietet. Wobei ich gleich vorwegschicken muss, dass es sich hier nicht eigentlich um eine Brauerei handelt, denn die Herren und Damen der UG lassen brauen. Nach eigenen Angaben geschieht das in einer Brauerei in Franken, welche Indiebrew jedoch nicht nennen will. Eine Verschwiegenheit, die mich stutzig macht, weil sie in der Brauerszene eher selten, hingegen typisch für Winzer und Brenner ist (sagt auch Matthias Richter, Braumeister im Bayerischen Bahnhof).

Was man von der Indiebrew UG ebenfalls nicht erfährt, weder auf den betreffenden Produkt-Websites noch auf E-Mail-Nachfrage, ist, was für ein Bier die Damen und Herren da überhaupt brauen, geschweige denn welche Malz- und Hopfensorten sie für ihr „ehrliches Bier ohne Schickschnack“ benutzen. Als interessierter Bierliebhaber, Heimbrauer, … letztlich als Verbraucher versuchte ich diese Geheimnisse zu lüften. Antwort Indiebrew UG: „Worum geht’s denn bei der Anfrage überhaupt?“ Meine beruhigende Erklärung, es handele sich bei meiner Anfrage nicht um Industriebierspionage, sondern um das ehrliche Interesse eines Verbrauchers und Heimbrauers hat scheinbar nicht überzeugt. Auf eine Antwort warte ich bis heute. Bis dahin muss ich mich mit folgender offizieller Produktbeschreibung begnügen: „Es gibt nur ein Produkt, unsere Nr. 1 – Industriebier“. Ob es sich dabei um ein Pils, ein Export oder ein Helles handelt… Ich trau mich gar nicht zu fragen, ebenfalls nicht nach dem Alkoholgehalt, der von der Indiebrew UG auch verschwiegen wird. Dazu muss man schon eines der Biere kaufen, denn auf dem Etikett ist zumindest mit dieser Geheimniskrämerei Schluss. 5,2% Vol. – ein Lob auf die Lebensmittelkennzeichnungspflicht.

Von der Website kgbrauereien.org habe ich doch noch erfahren, dass sich das Industriebier „an der Sorte eines fränkischen Hellen“ orientiert. „Weitere Informationen finden sich unter www.industriebier.de.“ Nun ja… fassen wir zusammen: vermutlich ein fränkisches Helles mit 5,2% Vol., das aussieht, riecht und schmeckt wie jedes andere Helle auch. Leider lässt sich hier ein leicht metallischer Beigeschmack nicht leugnen, der jedoch von einer klebrigen Süße überlagert wird, die auch die äußerst milde Hopfenbitterung nicht auszugleichen vermag und letztlich nur ein Schulterzucken hervorruft.

Anders als beim Industriebier erfahren wir auf der Website zum Totengräber Schattenbier: ein vollmundiges Schwarzbier gebraut im Brauhaus zu Röglitz in Schkopau. (Update: Nach Informationen des Brauhauses wurdes das Schattenbier nur für das WGT 2013 in Röglitz hergestellt.) Das Etikett sagt 5,0% Vol. Aus der 0,5L Flasche in einen Schwarzbierseidel gegossen sieht es wunderschön dunkelbraun, fast schwarz aus mit ordentlich stabiler Schaumkrone. Erinnert schon etwas an Köstritzer. ABER: Es gibt so gut wie keinen Geruch. Lediglich leichte Röstnoten bahnen sich den Weg in die Nase, was das Mindeste ist, das man von einem Schwarzen erwarten kann. Der Totengräber lässt dann bereits im Antrunk die Schaufel fallen, weil er von einer erschreckenden Wässrigkeit weggespült wird, die vielleicht erfrischend wirkt, dem Braustil „Schwarzbier“ aber nie und nimmer gerecht wird. Ein unendlich dünner Körper, der auf der Zunge nichts zurücklässt und erst im Nachgeschmack leichte Röstaromen erkennen lässt. Hopfen suche ich hier vergebens. Immerhin macht die ausgewogen leichte Karbonisierung (Kohlensäuregehalt) das Bier leicht trinkbar und erfrischend. Aber auch auf die Gefahr hin mich zu wiederholen: ein Schwarzbier ist das nur vom Aussehen her.

Mein Fazit zu den Bieren der Indiebrew UG: Mit hippen Etiketten und trendigem Unterstatement versucht man den Leipzigern ein Bier anzudrehen, das total alternativ ist und ins gentrifizierte Lebensgefühl der Plagwitz-Lindenau-Schleußig-Südvorstädter passt. Dabei heißt „ein ehrliches Bier ohne Schickschnack“ auch hier und wie so oft „ohne spezifischen Eigengeschmack“ und damit den Massengeschmack bedienend. Somit ist Industriebier vielleicht kein Industriebier, schmeckt aber wie Industriebier. Das ist sehr schade, weil hier eine Chance vertan wurde, die von Sternburg Export und Ur-Krostitzer Pils gegeißelten Leipziger endlich an handwerkliche und damit qualitativ hochwertige Biere heranzuführen.


Update vom 27.08.2016:

Das Industriebier hat es auch in unsere Liste der überschätztesten Biere Leipzigs geschafft. Wen wundert’s? Hier geht es zum Artikel: THE 6 MOST OVERRATED BEERS OF HYPEZIG

11 thoughts on “Leipziger Industriebier (Gastbeitrag)

  1. Sven

    Sehr schöner Auftritt hier, macht sehr viel Spass hier! Ich übrigenz bin erst durch diesen Besagten LVZ-Artikel auf euch aufmerksam geworden.
    Ich stimme euch allen zu 100% zu, wenn ihr sagt, dass alle Biere im Einzelhandel im Grunde gleich schmecken. Dass Liegt allerdings meiner Meinung nach aber auch am Deutschen Reinheitsgebot, dass die Brauereien einschränkt in Ihrem Handeln.
    In einem Irish-Pub in Leipzig gibt es Cider – als ich das zum Ersten mal trank ging in mir echt ein Feuerwerk auf! Der Apfelgeschmack im Bier war der Hammer, das ist in Leipzig aber auch eben durch das Reinheitsgebot nicht möglich/ nur schwer da man es dann nicht mehr Offiziell Bier nennen dürfte. Ich bin der Meinung ein so altes Nahrungsmittelgesetz gehört auch einmal bearbeitet.

    Antworten
    1. Sebastian Beitragsautor

      Danke für das Lob 🙂
      Das Reinheitsgebot ist definitiv eine große Barriere! Aber: Man kann auch schon unter der Einhaltung dieses Reinheitsgebots tolle Biere machen!

      Antworten
  2. Clarknova

    das teilweise reinheitsgebot-bashing im zuge der craft-beer-bewegung kann ich nicht verstehen. das gesetz hat nämlich einen sehr sehr sinnvollen ursprung. und wie sebastian schon schrieb, kann man unter einhaltung des gebots großartige biere brauen! und wenn man es doch übetritt nennt man sein produkt je nach brauart „ale“ oder „lager“. so kann man auf das wort „bier“ verzichten und gibt dem trinker eine info mehr – zwei fliegen, eine klappe.

    Antworten
  3. Christian Stein

    Hallo,
    das leckere Industriebier könnt Ihr auch sehr gern bei uns bestellen (liefermaus.de).

    Wir schleppen es Euch sogar bis vor die Wohnungstür 😉

    Schöne Grüße

    Christian

    Antworten
    1. Sebastian Beitragsautor

      Danke für euer Angebot – aber bitte lest doch einfach mal den Beitrag! *Kopftisch! Wir geben den Kommentar trotzdem mal frei, weil er so selbstentlarvend ist!

      Antworten
  4. Christian Stein

    Hallo Sebastian, danke für deine Veröffentlichung. Wir haben den Beitrag natürlich gelesen….Aber denken vielleicht auch etwas anders. Diese kleine Gruppe (Industriebier) versucht etwas zu bewegen. Menschen zu erfreuen, Spass zu haben und etwas für einen guten Zweck zu tun (UND DAS IN LEIPZIG). Klar möchten wir auch Euch gern gerecht werden, aber dies dauert seine Zeit. Schöne Grüße Christian

    PS: Die Brauerei wissen wir auch noch nicht 🙁 Sind aber dran… Sollte jeder Kunde KENNEN

    Antworten
    1. Sebastian Beitragsautor

      Sowas nenn ich ne 90-Grad-Kurve! 😉

      Ist ja völlig in Ordnung, wenn euch das Bier schmeckt oder ihr nach anderen Kriterien bewertet! Aber es war ja ein reiner Werbekommentar von euch! Und der war eben etwas deplatziert unter dem Verriss….

      Und um Bezug zu nehmen auf euren Kommentar: „Menschen zu erfreuen, Spass zu haben und etwas für einen guten Zweck zu tun“ kann man noch viel besser mit gutem Bier 😉

      Antworten
  5. Bier-Klaus

    Ich war auch interessiert, wer das braut. Der Barcode verrät es:

    GLN Firma Kontakt Aktueller Stand Basisnummer Status GLN Datenbereitsteller Land
    4011365000006
    Privatbrauerei Oechsner GmbH & Co. KG
    Klinge 2
    97199 Ochsenfurt
    Deutschland
    Herr Christoph Glück
    Tel:+49 (9331) 876616
    Fax:+49 (9331) 876633
    info@oechsner.de
    http://www.oechsner.de 12.11.2015 4011365

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.