Leipziger SpaBIERgänge: #1 Der Osten – Kontor, Klaus und Kupferbier

Immer wieder werden wir gefragt: Wo kann man in Leipzig denn mal ein gutes (craft) Bier trinken gehen? Immer wieder antworten wir „Hmmm…naja….nicht so einfach, denn einen guten Bierladen oder eine Craft-Kneipe haben wir nicht.“ und verweisen dann auf unsere kleine Übersicht der Leipziger Bierlocations. Wir wollen euch gerade deshalb ein kleines Bier-Survival-Paket für Leipzig schnüren und nehmen euch mit auf fünf Bier-Spaziergänge – kurz Spabiergänge – durch Leipzig, die jeweils nach Himmelsrichtungen aufgeteilt sind. Die Auswahl dabei ist betont subjektiv und erhebt null Anspruch auf Vollständigkeit. Es sind lediglich ein paar Bier-Schlaglichter auf die Bier-Diaspora Leipzig. Wir beginnen mit dem OSTEN. (Die Strecke in Kürze: Substanz – Kiezkontor – Hopfenspeicher – Brauhaus Napoleon – HIT Markt – Bayrischer Bahnhof und verschiedene Getränkehandel. Die Karte findet ihr unten.)

10454969_510035572476131_4886809538822393444_oDer Leipziger Osten hat keinen guten Ruf: kriminell, oll, brennpunktig – oder kurz Dunkel.Dreckig.Reudnitz (Martin hat auf seinem Blog alles dazu gesagt). Aber der Osten ist auch unser Kiez, wir wohnen hier (freiwillig und gern) und daher wollen wir auch mal Bier trinken ohne aus der Hood rauszumüssen. Und – Überraschung – das geht! Wir nehmen euch mit auf einen Spabiergang durch den Leipziger Osten. Los geht’s!

Unseren Starter nehmen wir in der Substanz. Hier gibt’s erst mal den schönsten Biergarten der Stadt, wenn das Wetter nicht mitspielt ist es drinnen etwas verraucht, aber der Platz an der Theke ist trotzdem ganz angenehm. Es gibt – als Start in das Wochenende macht sich ein Hefe immer gut –   Franziskaner vom Fass. Nix besonderes aber gut gezapft und gekühlt doch eine Wonne und ein guter Durstlöscher. Wer das nicht mag, bestellt ein Nerchauer aus Grimma. Jeden Monat wird ein anderes dieser handwerklich gebrauten, interessanten Biere serviert. Das Hefe ist enorm spritzig-sommerlich, im Herbst macht der sanfte, harmonischeLeffe-Substanz Bock eine gute Figur und im Winter bezirzt das Schottendicht den Gaumen mit einer differenzierten Ladung Malzigkeit. Im Sommer ist sogar sogar Leffe am Fass, was jedoch ob seines hohen Alkoholgehalts zum Versacken einlädt. Wir wollen aber weiter, machen noch einen kurzen Schwatz mit Betreiber Jörg, der aus dem Norden stammt und sich über die Bitter-Entschärfung von Jever aufregt. Wir pflichten bei und gehen dann weiter.

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(Foto von Cathrin Rühle)

Den Täubchenweg hoch, über die Breite Straße zum Kiezkontor. Ein netter Späti, der neben vielen Hellen im Kühlschrank neuerdings auch das erste Leipziger Craftbier Braustrom führt. Wir treffen noch Braumeister Jann, der um die Ecke wohnt und gerade Nachschub anliefert. Wir schwatzen über das nächste geplante Monohop Ale und die Vorzüge des Willamette-Hopfens. Die Kanne Braustrom nehmen wir auf die Faust und machen uns auf den Weg in den Lene-Voigt-Park – vulgo: Todesstreifen. Dort pulsiert allerdings das Leben. Mit Blick auf das voll gentrifizierte Publikum schlürfen wir unsere Monohop Cascade Ale und fragen uns, weshalb im alten Lokschuppen immer noch niemand eine Kneipe mit Biergarten und Brauerei eröffnet hat. Wäre das nix für Menno Olivier von de Molen. So eine kleine Außenstelle des Holländers in Reudnitz, das hätte doch was.

Justament weht uns der strenge Geruch von Hopfen in die Nase. Auf der anderen Seite des Parks wartet nämlich die Sternburg-Brauerei und gleich daneben der Hopfenspeicher. Ob die beiden Läden zusammengehören, weiß niemand und nur aus Prinzip verlangen wir ein Sterni vom Fass. Als das abgelehnt wird, ordern wir das Reudnitz Nut Brown Ale. Oder ist das Sterni Imperial Pale gerade am Hahn? Nein? Aber wenigstens doch Sternis Extra Bitter!? IMG_0559Na gut, dann eben ein Krostitzer Zwickel. Ein schlanker Zylinder naturtrüben Biers wird gebracht. Der kleine versteckte Stiefbruder des großen hässlichen Krosti. Tatsächlich sehr lecker! Wir zahlen, bedanken uns für die ausgesprochen nette Bedienung, werfen noch einen letzten Blick auf die riesigen Sterni-Tanks und sachte dreht sich der Stern auf dem Dach. Wir lassen den Mercedes unter den schlechten Bieren hinter uns und stiefeln die Oststraße stadtauswärts.

An der Holsteinstraße biegen wir rechts ab, vorbei am Späti mit dem seltsamen Namen Sprutzbude (und der grandiose Webadresse: www.sprutzbu.de). Durch Stötteritz schlagen wir uns in Richtung Prager Straße. Dort finden wir das Brauhaus Napoleon (eines der wenigen in Leipzig) und nehmeIMG_1015n ein Kaiser Napoleon Hell. Das Bier ist ganz ordentlich – vor allem das Helle (nah an einem Pils) geht gut rein. Wir essen hier nichts, da Service und Qualität der Gerichte extrem zu wünschen übrig lassen. Wir trinken unser Helles stehend an der Theke. Schauen auf die Kupferbraukessel und hoffen auf einen kleinen Schwatz mit dem Braumeister René, dem man wünscht, dass er so brauen könnte wie er will.

Wir gehen zurück auf die Prager Straße, folgen dieser hässliche Leipzvölkerschlachtdenkmaliger Magistrale stadteinwärts, biegen am Völki links weg und betreten von hinten das alte Messegelände. Unser Weg führt uns zum HIT Markt, denn dort steht ein Braufactum-Kühlschrank. Dieser hat vollkommen überzogene Preise und teilweise seltsame Sorten. Aber dazwischen findet sich auch immer ein Schätzchen für kleines Geld. Heute zum Beispiel das Firestone Pale 31 von Firestone und das neue The Brale von Braufactum. Zwei tolle Wegbiere – und vor allem gekühlt. Wir lassen den eigentlichen Getränkemarkt von HIT links liegen (obwohl auch hier ein nettes Angebot wäre) und laufen über die Straße des 18. Oktober Richtung Bayrischer Platz.

Im Gasthaus Bayerischer Bahnhof sind wir dann auch schon mitten im Hotspot der Leipziger Bierwelt. Hier gibt es das beste Bier der Stadt. Braumeister Matthias versteht sein Handwerk bestens und zaubert erst mal drei Standardbiere hin: ein Schwarzes (sehr schön süß dabei trotzdem ordentlich hopfig), ein Pils (leicht säuerlich, spritzig, angenehme Hopfennoten) und IMG_0863ein grandioses Hefe, das an Fruchtigkeit unübertroffen ist. Daneben gibt’s natürlich die weltberühmte Gose – naja wers mag. Immer mal wieder macht der Braumeister ein Saisonbier. Im Sommer zum Beispiel ein völlig abgefahrenes Amarillo (ausdauernder Hopfen, eine Spur Marzipan, knallharter trockener Abgang) oder ein Centenniel (nahe an einem leichten Sommer-Ale, flüchtig und perfekt für heiße Abende). Im Winter auch mal einen Weizenbock mit Aromahopfen (einmalig im letzten Jahr mit Simco). Hierzu genießt man die deftige Küche und schafft ein wenig Grundlage – zum Beispiel mit den Brauhaus-Pommes. Mit ein bisschen Glück treffen wir Matthias auch persönlich und wenn er fünf Minuten Zeit hat, lässt sichs mit ihm blendend über Bier quatschen. Er produziert viel für den internationalen Markt (von Finnland bis USA), was wir in Leipzig gar nicht zu sehen kriegen. Dazu ist er blendend mit anderen Brauern weltweit vernetzt und gerade in Sachen Sauerbier ganz oben dabei.

Mit leichter Schräglage verabschieden wir uns aus dem Bahnhof, es ist höchste Eisenbahn. Wir tänzeln zurück nach Reudnitz. Zuhause angekommen, fällt uns ein, wir waren ja vormittags noch mit dem Auto im weiteren Osten Bier jagen. Hoch getragen in die Wohnung hat’s natürlich noch niemand. Also Kofferraum auf und der Blick wird frei auf ein paar am Vormittag gefangene Spezialitäten. Da sehen wir zunächst das gute Wippraer aus der Museumsbrauerei im Harz. Lieblich lächeln die 1-Liter-Flaschen – das prämierte Schwarze (nah an einem englischen Stout), das Kupferbier (atembraubender Malzeinsatz, fast schon 21280_272365789576445_1778583037_nein Amber) und das außergewöhnlich nussige Pils. Der Brauemeister Dr. Gehring weiß, was er tut und der Getränkehandel Klaus verkauft es exklusiv in Leipzig. Bei Klaus hat man gelegentlich mal einen Glücksfund, ansonsten das übliche Pils-Inferno. Dann liegen da noch ein paar Flaschen Meißener Elbsommer, so gut und weich wie ein belgisches Witbier und daneben ein Zufallsfund: ein österreichisches Steinbier. Die haben wir aus dem Getränkemarkt Andrae. Idyllisch auf einem Vierseitenhof gelegen, wird dort auch Gemüse aus heimischen Gärten verkauft. Hier findet man immer mal wieder eine Spezialität oder ein Saisonbier zu fairen Preisen.
Außerdem steht im Kofferraum noch ein Sixpack Anchor Liberty Ale. Das Bier, mit dem unsere Bierkarriere begann, als wir merkten, da gibt es mehr als das Einheitspils. Gekauft haben wir es im Löschdepot, fast schon außerhalb der Stadt.. Das Löschdepot hat ein sehr ordentliches Angebot, wenngleich von Filiale zu Filiale verschieden. Hier im Osten bekommen wir zum Beispiel das Stortebecker Atlantik Ale oder das Andechser Weizen.

LibertyWir entscheiden uns für ein kleines Liberty – der perfekte Finisher. Ein Bier wie ein gutes Buch, tief und intensiv. Das Liberty Ale riecht wundervoll nach hellen Früchten; Aprikose und Pfirsich drängen sofort in die Nase. Der Antrunk ist beerenmäßig fruchtig und hopfig. Man hat das Gefühl, dass sich ein leichter Film einer konstanten Frucht auf der Zunge niederlegt. In der Mitte baut sich ein gigantischer Körper voller Bitterkeit auf, der nie ins Unangenehme übergeht. Im Abgang macht sich nochmals die volle Baggerladung an Frucht bemerkbar. Der Nachknall ist noch lange auf der Zunge zu schmecken. Das Liberty Ale ist eine Wucht. Eine Art eigene Liga, wie Zidane am Ball, ein Bier das seine unglaubliche Klasse hält, eine Klasse die ihre Kraft aus perfektem Handwerk und der Liebe zum Produkt schöpft. Ein Bier für die Ewigkeit. Gute Nacht!

PS: Das nächste Mal gehen wir in den Leipziger Süden. Und ja – wir haben hier etwas geschummelt und manches in den Osten eingemeindet!

^sg

2 Gedanken zu „Leipziger SpaBIERgänge: #1 Der Osten – Kontor, Klaus und Kupferbier

  1. Johannes Timaeus

    Hey cooler Artikel, wohne auch im Osten (Cichoriusstr.)

    Ich funds cool wenn es noch ein richtig gutes bio-bier aus Leipzig gäbe, und da sich nichts tut werde ich es wohl selber in die Hand nehmen müssen, kennt ihr Leute die Lust hätten sich an sowas zu beteiligen?

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    1. Sebastian Artikelautor

      Hey Johannes, was verstehst du denn genau unter Bio-Bier? Am besten du kommst am Freitag zum Stammtisch, da kannst du mit uns und verschiedenen anderen Leuten ins Gespräch kommen!

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