Leipziger SpaBIERgänge: #2 Der Süden – Wunder, Zwerge und Suppe

Immer wieder werden wir gefragt: „Wo kann man in Leipzig denn mal ein gutes (Craft-)Bier trinken gehen?“ Immer wieder antworten wir „Hmmm…naja….nicht so einfach, so viele Bars mit gutem Bierangebot haben wir nicht.“ und verweisen dann auf unsere kleine Übersicht der Leipziger Bierlocations. Wir wollen euch gerade deshalb ein kleines Bier-Survival-Paket für Leipzig schnüren und nehmen euch mit auf fünf Bier-Spaziergänge – kurz Spabiergänge – durch Leipzig, die jeweils nach Himmelsrichtungen aufgeteilt sind. Die Auswahl dabei ist betont subjektiv und erhebt null Anspruch auf Vollständigkeit. Es sind lediglich ein paar Bier-Schlaglichter auf die Bier-Diaspora Leipzig. Wir haben mit dem OSTEN begonnen und wollen heute in den Leipziger SÜDEN (Die Strecke in Kürze: Oskar – Biomare – KillyWilly – naTo – Südplatzspäti – Zest – Lazy Dog – Black Label Pub. Die Karte findet ihr unten.)

Manchmal wagen wir uns aus unserem Kiez heraus, um auch den Rest der Stadt mit unserer Bierneugier zu belästigen. Zum Beispiel in den Leipziger Süden entlang der Karl-Liebknecht-Straße. Irgendwie seltsam da, war mal cool, ist jetzt teuer, war mal studentisch, ist jetzt eher gediegen, war mal Avantgarde ist jetzt Mainstream. Ein Reservat unter speziellem Schutz. Weil wir Hunger haben, geIMG_20141230_203715hen wir zunächst das neu eröffnete Oskar testen. Die haben einen Smoker für ihr Fleisch, eine absurde Atmosphäre aus Bauernstube, In-Schuppen und Italiener und eine sogenannte Craft-Beer-Karte. Sogenannt weil sich ganze drei (aber immerhin und irgendwer muss ja anfangen) Craft-Biere darauf versammeln: das Monohop von Braustrom, das IPA von Zwönitzer und das Imperial Stout von Schoppe aus Berlin. Wir entscheiden uns für letzteres, ein wirkliches Erlebnis. Tiefschwarz, brotig, schokoladig, mit unglaublicher Espressonote im Abgang, bei 9% Alkohol. Eigentlich ein schlechter Starter, eher ein Finisher zu zartbitterer Mousse au Chocolat. Andererseits fühlen wir uns wach, wie nach einem Coffeeshot. Gestärkt stiefeln wir in die kühle Dezembernacht.

Wir laufen mitten auf der Straße, hier ist ja eh gerade alles Baustelle. Oder doch nicht? Jedenfalls bebt hier gerade gar nix, alles wie ausgestorben im vorderen Teil dessen was der Leipziger Karli nennt. Die Kneipenmeilenantithese zum folkloristischen Drallewatsch-Quatsch. Links leuchtet das BioMare und lädt zu einem kurzen Abstecher ein. Irgendwie haben es die Bioläden ja geschafft durch das Bio-Siegel mehr interessanteres Bier zu verkaufen als manch Supermarkt. Mal sehen wann der erste so clever ist und sein Bier in die Apotheken bekommt. Wir finden ein nettes Angebot, die gesamte Palette von Nerchauer aus Grimma zum Beispiel und wie inzwischen öfter in Bioläden das Riedenburger Doldensud. Eigentlich kein gutes Bier – viel zu alkoholisch, wodurch so ziemlich alle möglichen Geschmacksnuancen eines IPA überdeckt werden. Feige! Aber nun gut wir geben ihm noch eine Chance als Wegbier.

Vorbei am La Boum und Michael Fischer Arts schreiender Hauswand – zwei Leipziger Erscheinungen die sich gesucht, gefunden und verdient haben – schlendern wir Rickilliwillyhtung Süden. Als wir am KILLYWILLY stehen, reden wir über alte Zeiten. Das Bierangebot dort war schon mal besser (es gab mal Youngs Bitter vom Hahn!), aber Murphys oder Guiness vom Fass ist immer noch recht nett und es ist nun mal der schönste Pub der Stadt. Als wir so quatschen fliegt in hohem Bogen Pat Keene durch die Tür auf den Bürgersteig, berappelt sich kurz und grinst uns aus seinem zahnlosen Mund an. Wir nutzen die offene Tür und  schlüpfen hinein. Misses O`Leary zapft schon den ganzen Abend lang Ale. Danny Flowers und Ian Rankin sitzen am Tresen und sehen ihr dabei zu. Sie ist ruhiger als sonst. Ihr Sohn verlor heute ein Auge bei einem der Barrikadenkämpfe. “Es tut mir für ihren Sohn leid Misses O`Leary.” sage ich leise. “Was hast du da gesagt, einen scheiß tut es dir leid. Alles für Irland ihr blinden Bastarde oder Heilige Maria, Mutter Gottes, euch tut nichts leid”, schimpft Misses O`Leary. Und vielleicht hat sie recht. Wir sind auf unserem Weg. Wir haben kaum was zu fressen, kaum warme Socken aber die Kinder glauben an uns. Wir sind Helden aus dem Grünen Land in dem die Menschen hungern. Polternd stolpern wir nach einem Sturzglas Murphys Red aus dem Pub zurück in die eiskalte Luft der Stadt.

natoWir brauchen dringend was zum runterkommen. Da müssen Blauhelmtruppen rein oder mindestens die naTo. Die ist zum Glück gleich gegenüber. Das Hauptquartier hilft uns mit einem Andechser vom Fass. Auch eine Seltenheit in Leipzig und immer noch das beste Hefe der Welt. Ein hopfiger Obstkorb, die schönste Hefeblume im Garten lässt uns wieder ruhiger werden und die Welt bunter sehen.

Wir ziehen weiter zum Südplatzspäti. DEM Späti. Einer Institution. Hier ist immer Betrieb und es gibt gutes Bier. Der Südplatzspäti war einer der Vorreiter in Sachen neue Biersorten und schon immer eine Oase für uns. Hatten die doch vor Jahren als erste das Atlantik Ale im Angebot – heute immer noch unser Haus- und Hofbier. Wir entscheiden uns für zwei kleine Belgier: Den handlichen Zwerg von La Chouffe – ein treuer beaxter Begleiter in allen Situationen und ein kleines Hoegaarden. Ein belgisches Wit. Eine überwältigende Fruchtigkeit macht sich da über die Zunge her und mündet in einen schönen weichen Abgang. Zitrone und Orange verbinden sich mit Hefe, ein eindrucksvoller Tanz nimmt seinen Lauf. Das Hoegaarden hält immer was es verspricht. Pierre Celis der den Witbier-Stil mit dem Hoegaarden geprägt und vor allem wiederbelebt hat, ist mit seinem Wit, das er im März 1966 zum ersten Mal einbraute, ein kleines Wunder gelungen.

Mit dem Wunder und dem Zwerg stapfen wir weiter durch die kühle Nacht. Wir verlieren unsHoegaarden in Gesprächen über Wit und warum es seinen Weg nach Deutschland noch nicht angetreten hat, obwohl es doch das beste Biergarten-Getränk wäre. Eine tolle Alternative zum manchmal schweren Hefe. Oder warum es in Leipzig kein Bitter vom Hahn gibt. Ein raffiniertes Werk der Engländer, oft unter 4% aber den Geschmack eines ganz großen. Wir grübeln mal wieder, weshalb es keine Bierbar in Leipzig gibt und warum wir überhaupt so lange hier durchs Niemandsland laufen. Am Connewitzer Kreuz sitzen wir plötzlich auf dem trockenen und biegen  schnell links weg zum Zest auf einen Snack in veganer Hipsteratmosphäre – so geht Punk 2015. Der eigentliche Grund ist aber, dass die Karte ein wirklich außergewöhnliches Bierangebot verspricht. Da gibt es zum Beispiel Gusswerk Nicobar IPA oder das Williams Impale IPA oder wieder den verrückten Zwerg La Chouffe. Wir nehmen ein Appenzeller Holzfassbier, dass durch heftigen Malzeinsatz glänzt und durch Eichenfasslagerung eine ganz weiche, milde Note bekam. Smooth und flauschig wie ein Küken.

Lazy-Dog-SchildAls wir wieder raustreten beraten wir über den Finisher. Soweit im Süden bleibt uns nur ein Bad im eiskalten Cossi oder ein letzter Gang zum Lazy Dog – dem wohl unfreundlichsten Späti der Stadt. Aber auch der Späti mit der höchsten Bier-Überraschungsquote: Da findet man mal ein Butcher’s Tears, ein Duvel, ein Crew Republic, was von Ratsherren. Aber es ist nie Verlass darauf, dass diese Getränke beim nächsten Mal noch da sind. Wir entscheiden uns für einen Proper Job. Denn den haben wir heute Abend getan. Das beste IPA, das wir kennen. Ein authentisches, ehrliches Bier mit einer unglaublichen Ausgewogenheit aus Fruchtig- und Malzigkeit. Es hat nichts von der Aufgeregtheit oder Nervosität der deutschen Craft-Biere. Es ruht in sich, ist gleichmäßig laut. Ein Bier wBier-Suppeie Steven Gerrard. Voller Würde und ausgestattet mit allem was Bier banal macht, am Meer sehen wir uns alle. Ein Meisterwerk aus Englands Südwesten. Wir stehen in definitiver Schräglage vorm Anschlag des Black Label Pub: „Suppe des Tages: BIER!“ steht da drauf. Auf seinem klapprigen Rad schleicht Ian an uns vorbei, es war Zapfenstreich, er muss in den Nachbarort.
„Viel Glück du alter Humpen!“
„Schön hier!“ sage ich leise.
„Cheers!

^sg

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