Mehr als nur tätowierte Typen mit Vollbart – Peter Korneffel: „Biermanufakturen in Berlin“

Mehr als nur tätowierte Typen mit Vollbart – Peter Korneffel: „Biermanufakturen in Berlin“

BerlinerBiermanufakturen_Cover.inddIn keiner deutschen Stadt hat sich die Craft Bier-Szene in den letzten Jahren so rasant entwickelt wie in Berlin. Nirgendwo sonst sind in Deutschland so viele kreative Micro-Brauer, Gasthausbrauereien oder „Kuckucksbrauer ohne eigene Braustätte“ an einem Ort versammelt, um der industriellen Gleichförmigkeit des deutschen Einerleibiers ihr ganz individuelles Produkt entgegenzusetzen. Was sie vereint ist die Leidenschaft für handwerklich gebrautes, charaktervolles Bier und oftmals auch der Mut zum Experiment – sowohl kulinarisch als auch ökonomisch.

Der Journalist Peter Korneffel hat dankenswerterweise die Aufgabe übernommen, Informationen über die Geschichte des Bierbrauens in Berlin und die dortige Craft Bier-Szene zusammenzutragen, durch die Sudhäuser und Ausschänke der Hauptstadt zu tingeln und sich mit deren Gründern und Brauern zusammenzusetzen. Bei seiner Recherche ist er sicher nicht umhingekommen, sich den einen oder anderen Trunk durch die Kehle rinnen zu lassen. Es sei ihm vergönnt. Das Ergebnis ist nämlich eine mehr als gelungene Übersicht über die 22 aktuellen Berliner Biermanufakturen und zugleich eine unterhaltsame Hommage an die kleinen Brauer Berlins.

Erschienen ist sie Ende März im nicolai-Verlag und vereint auf mehr als 200 reich bebilderten Seiten Portraits der Braustätten und ihrer Gründer und Brauer nebst Lageplänen und Informationen zur Anreise. Aber nicht nur das. Korneffel gibt auch einen kurzen Abriss über die Geschichte des Brauens und Biertrinkens in Berlin, besucht historische Brauereianlagen und -architektur, trägt Wissenswertes zur Berliner Weiße zusammen, gibt Empfehlungen zu Biergärten, Berliner Bier-Terminen, Links zur (deutschlandweiten) Craft Bier-Szene usw. Dies macht sein Buch zum handlichen Nachschlagewerk in Sachen Bier und Bierkultur in Berlin. Dabei spart er nicht an gelegentlichen Seitenhieben auf die Monopolstellung des Dr. Oetker-Konzerns in Berlin, der in einer riesigen Großbrauerei nicht nur 98 Prozent des Bieres aus und für Berlin braut, sondern auch das Leipziger „Sterni“ für die Hauptstadt abfüllt. Den 22 couragierten Berliner Klein- und Kleinstbrauern widmet er hingegen jeweils mehrere Seiten und lässt sie ihre Geschichten erzählen. Wer hier nun eine Parade von tätowierten Freaks mit Vollbart erwartet, wird enttäuscht: Korneffels Buch offenbart die ganze Vielfalt der Berliner Brauer und verzichtet dabei gänzlich darauf, Hipster-Stereotype zu bedienen, wie sie in manchen Medien über die „Rebellen“ aus der Craft Bier-Szene gern verbreitet werden. Vorgestellt werden ganz unterschiedliche Menschen, die ihr Hobby zum Beruf gemacht haben oder ihren erlernten Beruf als Brauer (wieder) mit handwerklicher Leidenschaft ausüben. Die Bandbreite der Brauereien reicht dabei von der 40-Liter-Nano-Brauerei auf 5m² über den Platzhirsch der Berliner Brauereigastronomie mit gleich mehreren Standorten bis zur „Bierfabrik“. Vom politisch motivierten Brau-Kollektiv mit Sympathien für das Genossenschaftswesen bis zum ökonomisch denkenden Unternehmer. Wir erfahren von älteren Herren, die sich mit einer Gasthausbrauerei einen lang gehegten Traum erfüllen, von erfolgreichen Crowdfunding-Kampagnen für kleine Brauanlagen und von Start-Ups, die sich mit Hilfe von Investoren und Marketingspezialisten von ehemaligen Kuckucksbrauern zur eigenen Brauerei mit internationalen Ambitionen wandeln. Es gibt aber auch Geschichten vom Durchhalten, vom Scheitern und von Neuanfängen. Der Weg zur eigenen Brauerei ist nicht immer ein direkter oder leichter. Die Brauer erzählen von verschlungenen biografischen Pfaden, von bürokratischen Hindernissen, ökonomischen Wagnissen oder der langen Suche nach geeigneten Räumen. Damit ist nicht nur die Wiederbelebung traditionsreicher Brau- oder Gasthäuser und Biergärten gemeint. Auch bei der Wahl der geeigneten Location sind die Brauer einfallsreich: Gebraut wird z.B. im Waschkeller eines Studentenwohnheimes, unter S-Bahnbögen, in einem Wäschepavillion oder dem alten „Magerviehhof“, der zeitweise als ehemalige Kaserne der Sowjetarmee diente. Der Leser erfährt von abenteuerlichen Bastelstunden an selbst ausgetüftelten Sudhäusern und zusammengeschweißten Gärtanks mit Material aus der Molkereiwirtschaft oder der Luft- und Raumfahrttechnik.

Die Motivation der Brauer ist zumeist, ein anderes, ein eigenes Bier zu brauen. Sie zeigen Pioniergeist in einer eintönigen Bierlandschaft. Ihre Leidenschaft sind neue Bierstile oder ganz individuelle Varianten von Hellem, Pils oder Weizen. Es geht Ihnen um die Wiederbelebung und Neuinterpretation des traditionellen Brauhandwerks. Dabei wird auch dem Ur-Berliner Bier, der „Berliner Weiße“, die in den letzten Jahrzehnten schon fast vergessen war, endlich wieder neues Leben eingehaucht.

Das alles wird von Korneffel unterhaltsam und kenntnisreich geschildert. Man merkt ihm seine Sympathie für die Szene an. Alles in Allem ist sein Buch ein abwechslungsreicher Einblick in die Berliner Brauer-Szene, die traditionsreiche Bierkultur der Hauptstadt und in das Phänomen Craft Bier an sich. Empfehlenswert sowohl für „Kenner“ des handwerklich gebrauten Charakterbieres als auch für „Neulinge“ in Sachen Craft Bier. Einziger Wehrmutstropfen: Über die vielen individuellen Biere hätten wir gerne noch mehr erfahren. Denn oft belässt es Korneffel bei der Nennung der Namen und verzichtet auf eine ausführlichere Charakterisierung. Da hilft nur eins: Der Gang zum gut sortierten Bierladen – oder besser noch: Hinfahren und vor Ort selbst probieren! Denn neugierig auf die Vielfalt des Berliner Craft Biers und seine Brauer macht Korneffels Buch allemal.

Weitere Informationen und aktuelle Termine finden sich auf der Website zum Buch: http://www.biermanufakturen.de

^mr

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