GOSEATOR vom Bayerischen Bahnhof aus Leipzig. Ein Bier-Märchen

Es ist ja kein Geheimnis, dass wir hier in Leipzig arm an Braustätten sind und deshalb den Bayerischen Bahnhof besonders verehren. Das liegt aber nicht nur an seiner Singularität, sondern auch zu großen Teilen an Braumeister Matthias Richter, den wir – und nicht nur wir – für einen der Fähigsten in seinem Fach halten. Matthias hat darüber hinaus auch noch positiv einen an der Schaumkrone und probiert immer wieder Dinge aus, die man nicht mal denken kann. Ein Großteil seiner Sonderbiere gehen ins Ausland (USA, Skandinavien), ein paar wenige landen auch mal am Hahn im Bahnhof oder als Kleinstauflage bei uns :). So auch der heute zu verkostende GOSEATOR. Naja – soviel vorab – eine einfache Verkostung habe ich nicht hinbekommen oder anders ich war überfordert, das aufs Normalste zu beschreiben. Langer Vorrede kurzer Sinn – kommt einfach mit auf die lange Reise in ein großes dunkles Tequila-Fass.
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Ich schenke mir den GOSEATOR aus einer kleinen Kanonenflasche ein, der Schaum verschwindet rasant, offenbar hat er vor Angst vor irgendetwas. Kirschrot-herbstig blinzelt mich ein ahornartiger Sirup aus dem Glas an. Der Geruch hat mit Bier nicht viel am Hut – etwas seifig, parfümig, unweigerlich nach Tequila. Was womöglich damit zu tun hat, dass der Gose-Doppelbock in frischen Tequila-Fässern reifte. Der erste Schluck ist irritierend – eine Säure, Fülle und Vielfalt, die ohne Vergleich ist, schon jetzt mehr als man verstehen kann. Ich ahne schnell, dass das Bier größer ist als ich. Bin ich dem gewachsen? Aber das war noch harmlos im Vergleich zu dem was dann kommt: Im Übergang von Antrunk zu Körper beginnt eine Entfaltung für die Ewigkeit und kurz vorm Ende des Körpers explodiert etwas in meinem Kopf. Ich durchschreite einen dichten Wald, das Dickicht, die vielen Stämme biegen sich zusammen, formen ein Oval und ich sitze plötzlich in einem riesigen schummrigen Holzfass, schaue mit großen Augen, die sich an die Dunkelheit gewöhnen müssen umher und versuche zu verstehen, was mit mir passiert. Die Hitze des Alkohols brennt mir in der Kehle und legt sich doch wie eine wärmende Decke um mich. So lange bleibt diese Geschmacksexplosion im Hals. Auf der Zunge tanzt ein Geschmacks-Derwisch nach dem nächsten. Es fällt schwer differenzierte Nuancen zu erschmecken, vielleicht noch ein wenig überreifes Obst, vergorener Kirschsaft, kaum Kohlensäure, keine Bitterkeit – wozu auch?

Es ist ein Grad an Verrücktheit erreicht, den ich als Biertrinker noch nicht erlebt habe. Eine Mischung aus Gut und Böse, aus Ork und Hobbit, aus Bier und Wahnsinn. Das Bier ereignet sich und ist definitiv nix für Anfänger, auch ich fühle mich wie ein Bier-Noob. Der Gose-Bock ist an keiner Stelle flach, sondern immer rund – so weit weg von Desperados und Salitos, von Margarita und Tequila Sunrise. Der GOSEATOR ist ein sehr persönliches Bier, es ist privat, man will damit allein sein. Trinkt man es unter Menschen fühlt man sich bei etwas Intimen ertappt – eine Reise ohne Gefährten. Ein Bier wie ein Trip auf Ambrosia, eine Nahtoderfahrung – immer wunderschön, aber auch überfordernd.

Aus der Ferne höre ich in meinem Fass ein schwaches Echo. Was ist das? Was hallt da? „Reinheitsgebot, Reinheitsgebot, Einheitsgebot“ walzt es drohend durch das bauchige Oval. Ich lächle leise, als sich das Fass mit mir drinnen in Bewegung setzt und immer schneller ins Rollen kommt. Knirschend höre ich das Reinheitsgebot unter dem gewaltigen Fass zerbersten. Das Fass nimmt Tempo auf und hebt ab. Ein verrückter Biergeist reitet das fliegende Fass und der will die Bierwelt brennen sehen.

^sg

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