Einmal „Sümer Ale“ mit Alles

Weite Häuserschluchten, aber kein gutes Bier in Sicht: Taksim

Weite Häuserschluchten, aber kein gutes Bier in Sicht: Taksim

Auf meiner Auslandskorrespondententour für Bier in Leipzig habe ich einen kurzen Zwischenstopp in Istanbul eingelegt, der Stadt zwischen den Kontinenten. Orient meets Okzident. Crossing the bridge – meint Fatih Akin, gegen die Wand denke ich, denn für mich sind es eher acht unendliche Stunden Aufenthalt, bis der Anschlussflieger geht. Wäre doch ein Witz, wenn ich die nicht genutzt bekomme, oliverkahnt das Utilitaristenego in mir. Nachdem ich mich vom Atatürk-Flughafen per Metro bis zum Gezi-Park und Taksim – den Symbolen des Protests und Aufbruchs – durchgeschlagen habe, begebe ich mich auf die Suche nach Craft-Bier – dem Symbol des Protests und des Aufbruchs. Immerhin hatte mir der adrette junge Herr der Touristeninformation am Flughafen nicht nur erklärt, dass ich genau dort viele interessante Menschen antreffen, sondern auch gutes Bier bekommen würde.

Kumpir Schranke

Kumpir Schranke

Aber nach zweistündiger verzweifelter Suche, plattgetretenen Füßen und zwei Kumpir-Kartoffelmatschmahlzeiten später erkläre ich mein Vorhaben für gescheitert. Menschen gibt es hier zwar in Strömen – so breit wie das Marmarameer – aber meine Anläufe, Einheimische spontan nach guten Bierlocations zu fragen, erwiesen sich als durchgehend erfolglos. Zu oft endeten die Kommunikationsversuche damit, dass mir das hiesige Hard Rock Café anempfohlen wurde. Da gäbe es doch Becks und Schöfferhofer, versucht man mich Abendländler zu ködern. Da seid ihr aber an den falschen geraten, meine lieben Osmanen! Sowas könnt ihr abgehalfterten Peginesen, Pegidisten und was weiß ich wem andrehen, aber nicht mir. Ich will Exotik, will Tausendundein Bier, will Ali Baba unter den Tisch saufen und seinen vierzig Räubern beweisen, dass es für das gute Bier zu Brauen lohnt. Banausen, denke ich abfällig, recke meinen Kopf in bester Rebel-Boy-Manier nach oben und suche verzweifelt das nächstbeste Free-Wifi-Lokal auf, bestelle als Alibi ein schales Efes und starte Untappd, das Tinder für Bierliebhaber, um mir die Bars der Umgebung anzeigen zu lassen. Ich wische etwas aufgegeilt herum und entdecke in Gayrettepe die „Bosphorus Brewing Company“, eine kleine Bar mit selbstgebrautem Bier. Also los. Keine Zeit verlieren. Nur zwei Stunden bleiben mir noch, bis ich wieder am Flughafen sein muss. Und die Biertrinkerehre gebietet es, mindestens einmal eingekehrt und einen kühlen Hopfentrunk zu mir genommen zu haben. Ohne Bierfund kann ich hier nicht abreisen – dann bleibt dieser Ort unerschlossen.

Die "Bosphorus Brewing Bar"

Die „Bosphorus Brewing Bar“

Die Bosphorus Beer Breewing Co. ist ein nettes kleines, etwas versteckt gelegenes Lokal, etwa vier Metrostationen vom Taksimplatz entfernt, ausgestattet mit einem Biergarten, der nahtlos in eine Indoor-Bar übergeht. Die Location liegt an einer stark befahrenen Straße (Gibt es überhaupt wenig befahrene Straßen in Istanbul? Ist Wasser nass? Und ist der Effzeh der beste Verein der Welt?), die einem gerade zur Zeit des Feierabendverkehrs den Eindruck vermittelt, dass die gesamte Stadt nur so brummt, rauscht, hupt, quietscht und stinkt. Ich lasse mich trotzdem nicht aus der Ruhe bringen und bestelle mein erstes Bier.

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Honiggolden wie die Frühstücksstulle von Kemal Atatürk: das „Sümer Pale Ale“

Das „Sümer Ale“, ein 5%iges obergäriges, wenig gehopftes Bier, ist ein süffig-süffisanter Start in den Abend. Es kommt süß daher und erinnert mich an feinstes Baklava, das es allerorts gibt. Dass das Ale nicht allzu kalt serviert wird, bestärkt mein Gefühl, dass hier eine Süßigkeit um meine Gunst buhlt. Das „Sümer Ale“ umschmeichelt mich, will mir weismachen, dass so ein Sommerabend verschwendet werden will. Dass ich doch noch ein wenig in der Stadt bleiben und mir mit ihm die Nacht um die Ohren schlagen sollte. Und, dass ich endlich diese reizende Tischnachbarin ansprechen und sie in ein Gespräch über Rhomer-Filme verwickeln und mit ihr in den nächstbesten unsynchronisierten türkischen Arthouse-Streifen laufen müsste. Noch bin ich aber vernünftig genug, um nicht darauf einzugehen und bestelle rasch ein anderes Bier. Ob diese Form der Unverbindlichkeit und Untreue unmoralisch ist, frage ich mich. Aber in Zeiten des Anything-goes und des Zerfalls sozio-moralischer Biermilieus lasse ich diese Frage in ihrer brisanten Schärfe nicht ganz so nah an mich heran.

Als nächstes probiere ich das „Istanbul Pale Ale“. Abgesehen von der Tatsache, dass es viel zu schwach karbonisiert ist, schal, wie die Witze von Fips Asmussen auf seiner Abschiedstour durch die sächsische Provinz, langweilt es zu Tode. Riecht es noch vielversprechend wie auf einer Mandarinen- und Zitronenplantage, bietet damit einen angenehmen Kontrast zu den langsam dichter werdenden Autoabgasen um mich herum, ist der Geschmack eine wahre Enttäuschung. Wenn man ein IPA erwartet, fragt man sich notgedrungen, ob hier nicht jemand vorsätzlich mit Malz und  IBU geizt. Das Istanbul Pale Ale ist wässrig, ohne Schmackes, ohne Punch. Wie Axel Schulz bei seinem bedauernswerten Comebackversuch gegen Brian Minto geht es sofort in die Knie, verprügelt von meinen verwöhnten Geschmacksknospen und um jede Chance gebracht, hier Punkte zu machen. Knock out nach dem ersten Schluck. Ich trinke das Bier trotzdem schnell aus. Immerhin sollte es mich davor bewahren, bei diesen warmen Temperaturen zu dehydrieren.

Zum Abschluss kommt noch ein „Brew 81“ ins Glas.  Ein Kleines – damit ich im Flieger sanft entschlummern und die elf Stunden Flug bis Osaka in Morpheus Armen verbringen kann. Das „Brew 81“ ist ein spritziges Lager. Es hinterlässt keinen sonderlich aufregenden Eindruck, ist aber mit 6% doch recht stark. Der Alkohol wird gut unter Malz versteckt. Es hat einen fülligen Körper und lässt in mir ein wohliges Gefühl zurück. Als Absacker eine absolut gute Wahl. „Zum Wohl Istanbul!“ skandiert das Pils-Herz in mir. Du hast mich zwar nicht geflasht, aber mir einen angenehmen Abend beschert. Und wenn ich einmal meinen Anschlussflug hier verpassen sollte, lasse ich mich gern auf die nächsten Geschmacksproben ein.

Aber Moment! So schnell geht es dann doch nicht weiter in das Land der aufgehenden Sonne. Gerade will ich aufbrechen, da stellt mir der Kellner noch ein weiteres Bier auf den Tisch. Es geht aufs Haus, sagt er. Ich soll es mir schmecken lassen. Jetzt hat der Laden mich aber gekriegt. Ich rede mit dem Kellner ein wenig über Deutschland, im Speziellen über Hamburg, wo sein Freund wohnt, über meine Weiterreise nach Japan, über Bier und die Kneipe. Ich bin beglückt und fühle mich zu Hause – anerkannt und angenommen. Wenn auch nicht jedes Bier hier vom Hocker haut, der Service und die Warmherzigkeit der Menschen machen es allemal. Davon könnten sich einige Bars in Leipzig was abgucken, denke ich, sinniere, wie schön das Leben sein kann, bade in Philantropie und breche dann geschwind mit den Gefühl auf, hier willkommen gewesen zu sein.

^dd

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