Von Bier, Craft Beer und Ji-Biru in Japan

IMG_6049Wenn man Menschen in Japan danach befragt, welche Ideen ihnen spontan zu Deutschland in den Sinn kommen, dann ist das neben „Wurst“ und „Fußball“ meistens: „Bier“. Ich schwöre: 90% der Antworten bewegen sich in diesem fein säuberlich abgesteckten Bedeutungsfeld. Alle drei Dinge sind zudem äußerst positiv konnotiert. Bei mir löst das immer merkliche Krisen der nationalen Identität aus. Mariannengrabentiefe Einschnitte im so sicher geglaubten Selbstverständnis – kann ich doch als Vegetarier kaum etwas mit Fleisch anfangen – es sei denn, es lebt fröhlich hoppelnd auf einer Wiese –, Fußball in Deutschland ähnelt seit dem gekauften „Sommermärchen“ eher einer schlechten Folge Dschungelcamp und bei gutem Bier – nunja – da freut man sich zwar über jede neu eröffnete Craft-Beer-Bar, aber so lange Sternburg noch als gutes Bier gilt und gehypt wird, sehne ich mich doch eher ins Bier-Schlaraffia, wo Prairie Ales und Habanero Sculpin IPAs in Strömen fließen.

Bier in Leipzig mit Untappd-Tauglichkeitsnachweis

Bier in Leipzig mit Untappd-Tauglichkeitsnachweis

Andersherum assoziieren die meisten Nicht-Japaner, wenn sie an das Land der aufgehenden Sonne denken, höchst selten Bier. Eher denken sie vielleicht an Sake, Kabuki, Karate oder an Automaten, an denen Olphaktophile gebrauchte Schlüpfer ziehen. Aber so wenig wie letzte existieren, sondern (mittlerweile) ins Reich der urbanen Legenden gehören so wenig lässt sich aus dem heutigen Japan wegimaginieren, dass Bier, und vor allem lokales Bier und Craft Beer, wichtig sind und immer wichtiger werden. In den letzten Jahrzehnten sind eine Vielzahl neuer Brauereien aufgebaut worden, wird Japanisches Craft Beer weltweit exportiert und bei internationalen Wettbewerben ausgezeichnet. Zwar beherrschen in Japan nach wie vor die Behemots Asahi, Suntory, Kirin, Yebisu und Sapporo die Regale der Convenient Stores und die Zapfhähne der unzähligen Restaurants. Das liegt – wie könnte es anders sein – vor allem an deren Vertriebsmöglichkeiten und Knebelverträgen, die sie mit Restaurants und Supermarktketten abschließen, aber auch an der immer noch immens hohen, vom Malzgehalt abhängigen Besteuerung von Bier und an Braubeschränkungen, die bis vor ein paar Jahren gegolten haben. Letztere schrieben bis 1994 vor, dass nur Brauereien auf dem Markt zugelassen sind, die eine Mindestproduktionsmenge von 2 Millionen Litern im Jahr haben. Der Tod für jeden gründungsfreudigen Entrepreneur-Geist und hippen, unrasierten Bierunternehmer-seiner-Selbst. (Wobei das mit den Bärten in Japan noch einmal eine andere Erzählung wert wäre.) In den letzten Jahrzehnten ist die Mindestbraumenge dann auf 60.000 Liter gesenkt wurden und in der Folge sprossen lokale Brauereien wie Pils [sic!] aus dem Boden. So konnten zwischenzeitlich über 400 Mikrobrauereien auf der Insel gezählt werden. Nachdem die unsichtbare Hand des Marktes in bester Adam-Smith-Manier den Laden durchgefegt hatte, sollen heute etwa 240 kleine bis mittlere Brauereien existieren.

Craft Beer soweit das Auge reicht und der Gaumen schmeckt: Das Goodbeer Faucets in Tokyo

Craft Beer soweit das Auge reicht und der Gaumen schmeckt: Das Goodbeer Faucets in Tokyo

Neben lokalen Brauereien gehören auch Craft-Beer-Bars seit einiger Zeit zum prägenden Signum jedes Stadtbilds – zumindest in den Metropolen Tokyo, Osaka und Yokohama. Unzählige sind dort vor allem in den letzten fünf Jahren eröffnet wurden – eine aktuelle Übersicht findet sich hier. Aber auch in mittelgroßen Städten wie Nagoya, Sapporo, Kyoto oder Kobe muss man sich keine Sorgen machen, an Unterhopfung leiden zu müssen. Die meisten Bars setzen neben Bier auf gutes Essen – oishii desu! respektive umaii! Man kann sich dort also gemütlich zurücklehnen, sein Imperial Stout von Minoh, einer der wichtigsten lokalen Brauereien, schlürfen und dem Koch dabei zuschauen, wie er feinstes Manna in Form von Okonomiyaki, Yaki Niku oder Yaki Soba über den Grill und auf die Teller jagt. Zugegeben: Manchmal gibt es auch ganz profan Pizza und Fish & Chips. Während in Deutschland noch etwas krampfhaft und bedeutungsheischend „Food-Beer-Pairings“ inszeniert werden, gehört Essen und Bier in Japan schon lange und wie selbstverständlich zusammen. Vielleicht auch schon immer. Wer weiß?

Unterstützung bekommt die These jedenfalls von einem, der es wissen müsste: Mr. Beer-Zen Maek Post – ein amerikanischer Expat und Englischlehrer – welch Überraschung! –, der seit mehr als zwanzig Jahren in Japan lebt. Sein Name ist vor allem in der Kansai-Region wie kaum ein anderer mit der Craft-Beer-Szene verbunden, ein Hans-Dampf in allen Bars, Begründer und Herausgeber des hiesigen Craft-Beer-Magazins ‚Beer Zen‘ und verbindendes Glied der Homebrewszene. Maek trifft man immer dort, wo es gutes Bier gibt. Mit dem Körper eines Ralf Moeller und dem Durst eines Harald Juhnke ist er unverkennbar und er weiß die ein oder andere Geschichte zu Bier in Japan zu erzählen. Umso länger der Abend, umso besser die Geschichten. Natürlich geht es bei diesen auch immer um „passion for ‘real’ craft beer“, um „innovation“ und „authenticity“. Unterhält man sich mit ihm, fallen diese Stichworte mit höherer Wahrscheinlichkeit, als Steine beim Domino. Aber auch eine Menge Relevantes weiß er zu berichten.

Ai Tan und ihre Gang vom Craft Beer Base in Osaka

Ai Tani und ihre Gang vom Craft Beer Base in Osaka

So zum Beispiel, dass Bier in Japan, im Gegensatz zu Europa und Amerika, nicht diesen unangenehm in der Nase stechenden testosteronal-maskulinen Duft versprüht. Unter den alkoholischen Getränken gehört Bier auch bei den japanischen Frauen zum Lieblingsgetränk, mehr als die Hälfte der Brauer_innen sind weiblich, schätzt man und auch ein großer Anteil der Craft-Bars werden von Frauen geführt. Eine von ihnen ist Ai Tani, Geschäftsführerin von zwei der bekanntesten Craft-Beer-Lokalitäten („Craft Beer Base“) und eines Bootle-Shops („Craft Beer Base Seed“) in Osaka. Sie ist zudem als Jurorin bei diversen nationalen und internationalen Bierwettbewerben aktiv und nachweislich ein wenig otaku (besessen-nerdy), wenn es um Bier geht. Auch sie trifft man, begibt man sich auf Kneipentour, an vielen Orten, bei befreundeten Bars und nicht nur in ihren eigenen Lokalitäten an – ein schönes Beispiel dafür, dass man auch im guten Miteinander Bierkultur am selben Ort entwickeln kann.

Craft-Label der Großen

Craft-Label der Großen

Auch, wenn Craft Beer in Japan bisher bei weitem nicht den Umsatz erzielt wie das Bier der Big Player, so bleibt doch auch diesen nicht das rasante Wachstum der Branche verborgen. Von 7%-Zuwachsraten können Kirin und Co. nur träumen. Sinkt doch seit Jahren deren Umsatzmenge sukzessive. Als Konsequenz versuchen auch sie – ähnlich wie Becks oder Köstritzer in Deutschland oder Heineken in den Niederlanden – Craft Beer Label zu positionieren. Diese Biere bekommt man in fast allen Konbinis für einen fairen Preis. Geschmacklich sind sie – meist handelt es sich um Hefeweizen, Stouts oder stärker gehopfte Biere – auch um Längen besser als das Standardbräu. Aber Begeisterung lösen sie bisher nicht aus. Eher gähnende Langeweile und Indifferenz. Solche Geschichten und Entwicklungen kommen einem allesamt bekannt vor und man möchte Marx Recht geben, wenn er behauptet, dass der Kapitalismus sein Unwesen überall auf der Welt in gleicher Manier treibt. Lasst also getrost die Finger von diesen Bieren, die nicht mehr sind als schale Boten und Symptome kranker Riesen, nicht mehr als letzte Zuckungen eines zusammenbrechenden, heuchlerischen Systems – so reden wir es uns auf jeden Fall immer wieder gern ein und träumen uns kollektiv nach Walden Two.

Craft Beer im Konbini. Preiswert und schmackhaft.

Craft Beer im Konbini. Preiswert und schmackhaft.

Man kann die Hände aber auch getrost deshalb von diesen Bieren lassen, weil sich immer häufiger bessere Alternativen, selbst in den Supermarktregalen allerorts, finden lassen. Da sind beispielsweise die Biere von Yo-Ho Brewing, wie das Aooni India Pale Ale oder das Yona Yona Pale Ale, die nicht nur durch ihren Preis überzeugen (ca. 260 Yen die Dose! Umgerechnet etwa 1,99 €! 1,99 €!!!!!) sondern auch durch ihr fruchtiges Aroma und ihren Geschmack. An Malz und gutem Hopfen scheint dabei jedenfalls nicht gespart worden zu sein. Aber auch auf die immer häufiger auffindbaren Biere von Kiuchi Brewery (Hitachino), Ginga Kogen und Echigo kann man sich unbesorgt und selbst bei klammer Geldbörse einlassen.

Craft Beer sei in Japan im Kommen, liest man allerorten. Das mag mittlerweile schon ein wenig untertrieben wirken. Craft Beer ist da und kaum noch wegzudenken. Das trifft es schon eher. Und Globalisierung und Universalisierung von Bierkultur führen hier zu ganz ähnlichen Entwicklungen und Diskussionen, wie man sie auch im Westen kennt – mit allen leidigen Kämpfen um die Deutung von „gutem“ und „schlechtem“ Craft, um die richtige Definition von Regionalität von ji-biru (lokalem Bier) und um die Positionierung auf einem weiterhin boomenden Markt.

Ein paar hilfreiche Links für weitere Informationen zu Bier in Japan finden sich hier:
http://www.brewedinjapan.com/
http://japanbeertimes.com/
http://beerzenjournal.com/

Eine gute Übersicht an Craft Beer Bars gibt es hier:
http://beerinjapan.com/bij/

Für Besprechungen von Japanischen Bieren, von Bars aber auch für Interviews sollten man hier einmal klicken:
http://beertengoku.com/

Wer es lieber historisch und zwischen zwei Buchdeckel geklemmt mag, kann hier schauen:
Alexander, J. W. (2013). Brewed in Japan: The evolution of the Japanese beer industry. Honolulu: UBC Press.

^dd

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