Eiertanz ums Wasserschwein – Wie aus Nutrias Bier wurde

Wer sich mal in den ferneren Süden Leipzigs verirrt und Ortsschilder wie Knauthain oder Hartmannsdorf sieht, der sollte aufmerksam werden. Nicht weil man hier Tagebaurestlöcher mit Wasser drin (neusächsisch: „Seenlandschaften“) bestaunen darf oder seinen topographischen Horizont erweitern kann (Was – das hier soll zu Leipzig gehören? Und ist Markkleeberg so was wie das letzte gallische Dorf, das sich gegen die drohende Eingemeindung wehrt?), sondern weil es hier das „Gasthaus zur Ratte“ gibt. Hört DSC_0807sich erst mal eher nach Pest und Cholera und nicht sonderlich einladend an – ist es aber! Vor Ort hält man sich bedeckt, was die Namensgebung angeht („keine genauen Aufzeichnungen“), aber die Bezeichnung geht wohl auf Auenwald-Nutrias aus dem 17. Jahrhundert zurück, die wiederum nichts mit Tolkien zu tun haben. Eigentlich Wasserschweine (Hydrochoerus hydrochaeris), hielt man sie doch für Mischwesen aus Biber und Ratte. Und so kam es also, dass man 1614oderso seine Pferde in der Lauer nicht im „Gasthaus zum Wasserschwein“, sondern im „Gasthaus zur Ratte“ wechselte. Und das ist bis heute so geblieben.

Fährt man an einem windigen Märzabend bei einem Rat Race DSC_0810durch den eher düsteren Ort, kommt einem das Gasthaus mit Pension, Kegelbahn, Biergarten und allem PiPaPo wie ein kleiner Palast vor. Jedenfalls wird er von außen so angestrahlt. Drinnen hat man eher das gediegene Gefühl von Es-War-Einmal-und-darf-auch-gern-so-bleiben. Ein Traum in dunkelbraunen Panelen, Geländern und Tresen. Der eigentliche Grund, weshalb wir da waren, ist jedoch nicht das Interieur, sondern ein anderer: Im „Gasthaus zur Ratte“ braut man selber Bier – das Rattenbräu (konsequent!). Durch drei Sorten des Standardangebots kann man sich probieren (auch als Probiertablett bestellbar, quasi das Rat Pack): Ein Schwarzbier, ein DSC_0802Weizen und ein Kellerbier. Das Weizen ist extrem spritzig, ganz leicht fruchtig – solider Durchschnitt und im Sommer sicher ein perfekter Durstlöscher. Dass es nach dem Chef des Hauses als Schneider-Weizen benannt werden muss … naja. Ein wenig eitel, zumal es doch phonetisch sehr an Schneider-Weiße erinnert. Wir haben uns daneben auch das Kellerbier vorgenommen und das war ein ganz schöner Hammer. Extrem trüb, geile Bernstein-Farbe, imposanter Schaum. Der Hopfen weht einem schon aus dem Glas provokant entgegen. Das Kellerbier hat definitiv eine IPA-Fahne. Schön bitter, dabei süffig und fruchtig. So muss das! Großes Kompliment! Fürs Schwarzbier hat’s dann nicht mehr gereicht, wird aber sicher nachgeholt. Das Ganze gibt’s zu fairen Preisen (0,3l – 2€; 0,5l – 3€). Auch das Essen war günstig und DSC_0803stimmte im Preis-Leistungs-Verhältnis (Sparte: deftige Hausmannskost). Besonders auffällig war die extrem professionelle Betreuung seitens des Kellners. Sowas sucht man in Leipziger Innenstadtlage oftmals vergeblich. Rundum rattiger Abend!

PS: Der Laden bietet auch Brauseminare an!
PPS: Im Gasthaus zur Ratte können Homebrewer auch kleine Mengen Malz, Hefe und Hopfen einkaufen. Bombenservice. Zum Beispiel: Pilsner Malz (1 kg – 1,15 €) oder Wiener Malz (1 kg – 1,15 €), Tettnanger (100g – 1,80 €) oder Perle (100g – 1,80 €).
PPPS: Und hier noch unsere Top3 der Ratten-Zitate. Einfach so. Weil wir’s können und auf Wunsch einer einzelnen Dame:
Platz 3 – Nur ein Jäger, der protzt, steckt sich eine tote Ratte in den Gürtel. (Sagtman So)
Platz 2 – Manchmal muss man das Schiff versenken, um die Ratten loszuwerden. (Alfred Polgar)
Platz 1 – Wenn einer im Delirium tremens immer Ratten sieht, ist er deshalb noch lange kein Naturforscher. (Gilbert Keith Chesterton)

^sg

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Anmerkung [07.06.2017]: Kein Bier für Rassisten! Kein Bier bei Rassisten!

Das Private ist politisch, das Öffentliche ist politisch – und auch das Bier ist politisch. Nicht zuletzt, wenn Brauhäuser ihre Türen Rassisten, Faschisten und Menschenfeinden öffnen, stellt sich die Frage, welcher Geist in den jeweiligen Orten wohnt. Am 31.05.2017 hat das „Gasthaus zur Ratte“ seine Räume dem Sächsischen Landesverband der AfD zur Verfügung gestellt. Als privater Unternehmer kann „Die Ratte“ selbst entscheiden, wem sie ihre Räumlichkeiten vermietet. Vor dem Hintergrund dessen mutet es – gelinde ausgedrückt – befremdlich an, wenn einer rechtspopulistischer Partei freiwillig solche Zugeständnisse gemacht werden. Es stößt uns ab – und wir sind ziemlich sicher, dass wir dort kein Bier mehr trinken werden. Kein Bier für Rassisten! Kein Bier bei Rassisten!

Auf Nachfrage von „Bier in Leipzig“ teilte der Wirt, Uwe Schneider, mit, dass man kein Problem habe, der AfD die Räumlichkeiten zur Verfügung zu stellen, da diese Partei zugelassen resp. nicht verboten sei. Die Partei stehe außerdem, so Schneider „auf dem Boden Demokratischer [sic!] Werte“. Wie die rassistische Politik der AfD mit den Werten einer offenen Gesellschaft und freiheitlicher Demokratien vereinbar sei, führte er nicht weiter aus. Ein solch technokratisches Demokratieverständnis verkennt völlig, dass eine Demokratie eben nicht nur auf formalen Verfahren gründet, sondern auf inhaltlichen zu bestimmenden Werten. Unveräußerliche Menschenrechte sind ein Teil davon. Es gibt genug Beispiele in der Geschichte, die zeigen, dass mittels demokratischer Verfahren Demokratien abgeschafft werden können. Dass Uwe Schneider die Reaktionen in Folge des Bekanntwerdens als „Hysterie“ bezeichnet, zeugt zudem davon, dass man in seinem Haus nicht bereit ist, sich mit der Kritik sachlich auseinanderzusetzen. So schwer das auch fallen mag, ob mancher überzogener Formulierung, kann man sich damit doch vorstellen, welcher Geist in dem Hause ein- und ausgeht.

6 Gedanken zu „Eiertanz ums Wasserschwein – Wie aus Nutrias Bier wurde

  1. le.x

    Schönes Ding – vor ewig langer Zeit damals dort gewesen und als bei Omas und Opa beliebtes und gern genommenes Geburtstagsessenslokal in schlechter Erinnerung geblieben. Wenn sich das Blatt letztendlich zum Gutem gewendet hat, muss ein Abstecher unbedingt mal eingeplant werden.
    Danke für den Post! Na denn Prost! (*schenkelklatsch*)

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    1. Daniel

      Gegenüber Intoleranz (der AfD) haben wir keine Toleranz – exakt! An Fremdenfeindlichkeit, Menschenfeindlichkeit und Rassismus wollen wir uns einfach nicht gewöhnen oder dies als Ausdruck demokratischer Kultur verstehen. Das haben wir in dem Kommentar ja auch so deutlich gemacht. Demokratie lebt von Offenheit – aber nicht gegenüber denjenigen, die Grenzen schließen und ausschließen.

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