Warum Bernie und Hillary am Zapfhahn stehen und die G7-Konferenz hopfige Vorboten schickt

Ein Leichtgewicht (4,5%) für die politischen Schwergewichte: Ise Kadoya hat ein Ale zum G7-Gipfel gebraut.

In den kommenden Tagen findet in Ise (Japan) mit dem G7-Treffen eine der wichtigsten internationalen Konferenzen in diesem Jahr statt. Aus diesem Anlass hat es sich die hiesige Brauerei Ise Kadoya nicht nehmen lassen, das Summit Beer 2016, ein hopfig-trockenes, schön malziges Session Pale Ale, zu brauen. Nun mag man die Nase rümpfen und sich fragen, was ein Obergäriges denn bitte schön mit dem Treffen von Staats- und Regierungschefs zu tun haben soll. Aber auch hier gilt: Alles ist politisch – oder anders herum: nichts ist unpolitisch. Erst recht nicht das Bier.

Dass Bier und Politik zusammengehören, wird allein schon mit Blick auf die vielzähligen Verordnungen und Gesetze deutlich, die die Bierproduktion und den Bierkonsum regeln. Man denke nur an das Reinheitsgebot, dessen 500-jähriges Jubiläum in diesem Jahr von den einen volkstümelnd gefeiert, von den anderen miesepetrig für alles schlechte auf der Welt verantwortlich gemacht wird – oder an die Proteste, die die politischen Regulierungsbemühungen häufig nach sich gezogen haben: Bierpreisaufstände in Franken, Biergartenrevolutionen in München, Bierkriege in Bamberg, Bierkrawalle in Frankfurt. Bier ist aber nicht nur Anlass zum Austragen von Interessenkonflikten. Es ist immer auch Symbol, auf das von Politikern, Parteien oder Interessengruppen allzu gern zurückgegriffen wird. Dabei ist dessen Bedeutung nicht ein für allemal festgelegt und einheitlich, sondern Bier kann Ausdruck von ganz Unterschiedlichem, teilweise auch Widersprüchlichem, sein.

Gerade in Folge des Zusammenbruchs des Ostblocks Ende der 1980er Jahre gründeten sich zum Beispiel in vielen osteuropäischen Staaten Bierparteien. So entstanden die Deutsche Biertrinker Union (DBU) in der ehemaligen DDR, die ihren Wahlspruch „Schwerter zu Bierhumpen“ skandierten, die Parteien der Bierliebhaber in Russland, der Ukraine und Weißrussland oder die Partei der Bierfreunde in Polen mit ihren unterschiedlichen Fraktionen: dem kleinen Bier (Male Piwo), dem großen Bier (Duże Piwo), dem Leichtbier, dem dunklen Bier oder der Kvass-Fraktion. Aber auch in Norwegen (Pilsens Samlingsparti), Kanada (Draft Beer Party), Australien (Lower Excise Fuel and Beer Party) oder in den USA (American Beer Drinker’s Party) gründeten sich Parteien, die das Bier im Namen und im Programm trugen. Es wäre zu einfach, diese als unbedeutende Spaßparteien abzutun, die nicht mehr als leichten Zugang zu Bier und grenzenloses Besäufnis forderten. Der Bezug zum Bier war in diesen Fällen immer Ausdruck von Protest an herkömmlichen Formen der Politik, war in Satire gekleidete Kritik an Etabliertem. Kein Wunder also, dass sich heutzutage Die PARTEI in Leipzig mit dem Slogan „Bier trinkt das Volk“ Rechtspopulisten und Nazis entgegenstellt, und damit das allzu sächsische, völkisch-exkludierende „Wir sind das Volk“ von Legida ad absurdum führt. Bier hat in diesem Sinne die Bedeutung von Unkonventionellem, ist eine Form der Anmaßung im politischen Diskurs, fordert auf zum Hinterfragen, Überschreiten und Aufheben von Grenzen des Herkömmlichen: „Ze piwo nie jest ani ciemne, ani jasne, jest po prostu smaczne“ („Das Bier ist weder dunkel noch hell, es ist einfach köstlich.“), soll der kategorienabgeneigte Janusz Rewiński, Gründer der Polnischen Bierfreunde, denn auch gesagt haben.

Aber auch von Seiten etablierter und konservativer Politiker weiß man um das politische Kapital, das sich daraus schlagen lässt, wenn man als biernah gilt, symbolisiert Bier doch gleichsam Konvention, Tradition, Bodenständigkeit und Volksnähe. Mit Bier lässt es sich prima Vergemeinschaften. Schröders „Hol mir mal ne Flasche Bier, sonst streik ich hier, und schreibe nicht weiter.“ während einer Autogrammstunde beim Sommerfest in der ostdeutschen Provinz mag eines der sinnfälligsten Beispiele dafür sein, oder auch der alljährliche Starkbieranstich am Nockherberg in München, der von allerlei Politprominenz gesäumt wird. Auch Barack Obama – der übrigens keinen Hehl daraus macht, selbst Homebrewer zu sein – ließ es sich in diesem Jahr nicht nehmen, bei der Eröffnung der Messe in Hannover ein gemeinsames Bier in Aussicht zu stellen, um damit seine Verbundenheit mit Deutschland und die Freundschaft zu Angela Merkel wirkungsvoll zu inszenieren.

Hillary Clinton zeigt sich gern mit Craftbier

Hillary Clinton zeigt sich gern mit Craftbier

Im US-amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf wiederum haben die Kandidatinnen und Kandidaten nun das Craft Beer für sich entdeckt und lassen sich medienwirksam mit diesem Abbilden: Hillary am Zapfhahn, Bernie mit Double-IPA, Ted Cruz mit einem Gowler Amber Ale*. Sie wissen um die Bedeutung, die Craft-Beer nicht nur wirtschaftlich hat, sondern auch welche semantische Klaviatur damit gespielt werden kann. Authentizität, Lokalität, Innovation, Unternehmergeist – das sind alles Attribute, mit denen sich nicht nur Craft schmückt, sondern auch der Politikertypus heutigen Formats.

Bier – und das zeigen die Beispiele – ist also nicht nur ein wohlschmeckendes Getränk, das im Sommer leicht daher kommt und erfrischt, im Winter von innen wohlig wärmt und zu allen Zeiten Anlass zu Geselligkeit schafft. Es ist immer auch politisches Symbol, dessen Inhalt und Bedeutung ganz unterschiedlich sein kann. Wie ein leeres Glas, das je nach Geschmack und Anlass mit Verschiedenem – ob mit Porter, Pale Ale oder Pilsner – gefüllt wird. Manchmal ist es allerdings von Vorteil, dass man Biere auch wieder austrinken kann.

^dd

* Man mag es kaum für möglich halten, vor allem auch, weil seine Reden und öffentlichen Auftritte oft den Anschein von Volltrunkenheit erwecken: Trump kokettiert damit, nie Alkohol angerührt zu haben.

2 Gedanken zu „Warum Bernie und Hillary am Zapfhahn stehen und die G7-Konferenz hopfige Vorboten schickt

  1. Zapfer

    „Bier trinkt das Volk“ 😀 Den muss ich mir mal merken…
    Wurde nicht auch letztens eine amerikanische Biersorte in „America“ umbenannt?
    Mich würde ja echt mal interessieren, wie dieses „Summit“ Bier schmeckt. Gibt’s bestimmt teuer bei Ebay oder so 😀

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    1. Daniel

      Das Summit-Ale war ziemlich gut. Ein fruchtiges IPA, wie ich mir das wünsche. Wenn es nicht ausverkauft wäre, hätte ich mal eins mitgebracht. 🙂

      Und ja, Budweiser hat passend zum Wahljahr in den Staaten sein Bier unter dem Label „America“ auf den Markt gebracht. Hat dort auch einige Diskussionen losgetreten. Für Budweiser war das willkommene PR. Und war auch klar, dass die Konservativen sich dann trumpmäßig reinzecken: http://reason.com/blog/2016/05/11/donald-trump-thinks-budweiser-rebranded

      😉

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