Ich bin dann mal Biertrinken. Eine Pilgerreise zu den Zapfhähnen von Ise-Kadoya

Befeuchtet und erfrischt ausgetrocknete Pilger-Gaumen: Bier der Ise Kadoya Brewery

Was gibt es schon Schöneres, als an den freien Tagen zum wichtigsten Shintō-Wallfahrtsort, dem Ise-Schrein in Japan, zu reisen – ein Schrein, der sich für den ungeübten Betrachter rein äußerlich  nur wenig vom Rest unterscheidet, dafür aber wie kaum ein anderer von Politikern und Nationalisten vereinnahmt wird? Na, das hier: man kann nach dem touristischen Pflichtprogramm die Chance nutzen und einen Abstecher in die hiesige Brauerei Ise Kadoya machen. Die gibt es mittlerweile seit fast 20 Jahren und ist eine derjenigen kleinen lokalen Brauereien in Japan, die während des ersten Craftbier-Booms in den 1990er Jahren entstanden und deren Sudkessel noch bis heute angefeuert werden und auf Hochtouren laufen.

Der Biyagura-Shop. Hier gibt es (leider) nur noch Bier und kein Essen mehr. Das Restaurant wurde kurzerhand wegrationalisiert.

Der Name Ise Kadoya setzt sich aus dem Namen der Stadt zusammen, in der die Brauerei seit Gründung 1997 beheimatet ist – Ise – und dem Namen des Unternehmens, dem sie angehört: Kadoya, ein traditionsreicher, japanischer Familienbetrieb. Aufgebaut bereits Ende des 16. Jahrhunderts zur Azuchi-Momoyama-Zeit, verkaufte man zu Beginn jedoch kein Bier, sondern Tee und Kinako-mochi, einen in Sojabohnenmehl gewälzten, etwas zäh-gummiartigen und damit Erstickungsunfälle leichtsinnig provozierenden Reiskuchen und versorgte damit todmüde Pilger, die nach ihrer strapaziösen Reise in der Stadt eintrafen. Später vertrieb die Firma zusätzlich Sojasoße, Tamari (die dunklere, glutenfreie und damit lifestylekompatible Variante von Sojasoße) wie auch Miso-Paste. Und heute ist es nun eben das Ise Kadoya Bier, das man den vorbeiziehenden Pilgerreisenden feilbietet. Aber nicht nur denen, sondern vor allem den vielen Gästen und Bewohnern der Stadt. Das Bier reiht sich somit ein, in die lange, altehrwürdige, den Wirren der Zeit stets trotzende Historie eines erfolgreichen Familienunternehmens. So erzählt es uns zumindest die mit Stolz präsentierte Firmenchronik.

Wir lunzen heimlich in Richtung kommendes Saison-Bier.

Die Ise Kadoya Brewery ist eine Micro-Brauerei, die nach eigenen Angaben etwa 15.000 Liter Bier im Monat herstellt. Momentan sind darunter 7 regelmäßig verfügbare Biere (u.a. das mit Reis und drei Malzsorten eingemaischte Shintō-Beer, ein Pils, ein IPA, Brown Ales, ein American Pale Ale, ein Stout). Hinzu kommt eine ganze Reihe von saisonalen Bieren, sodass bis heute etwa 150 verschiedene Biere unter dem Label erschienen sind. Und eine Vielzahl davon schmeckt ganz offensichtlich nicht nur den gläubigen Shintōisten auf ihrer junrei, der Pilgerfahrt, sondern auch Jurymitgliedern bei nationalen und internationalen Bierwettbewerben. Unter anderem wurden das Ise Kadoya Brown Ale bei den International Beer Awards 2010 oder auch das Shintō-Beer und das Ise Kadoya Stout beim World Beer Cup 2006 höchste Ehren zu Teil. 2009 erhielt Kadoya zudem die Auszeichnung als japanische Brauerei des Jahres. Die vollständige Liste der Auszeichnungen lässt sich hier nachlesen und ehrfürchtig bewundern: klick.

Bei meinem Besuch in Ise habe ich selbstverständlich die Chance ergriffen – den Pilger beim schwarzen Schopfe gepackt – und nicht nur einen kleinen Abstecher zu den niemals versiegenden goldenen Kadoya-Zapfhähnen auf dem Markt gemacht, sondern auch einen kurzen, heimlichen Blick in die allerheiligsten, sonst streng verschlossenen Räume der Brauerei geworfen und mich im Biyagura-Bottleshop mit Bier-Proviant für den Rückweg eingedeckt.

Das Imperial Red Ale in Szene gesetzt

Darunter war auch das vielgelobte Imperial Red Ale, ein Bier, das mit 85 IBU so bitter dahergelaufen kommt wie ein dünnhäutiger Shintō-Pilger mit schmerzenden Blasen an den Füßen. Die Farbe des Imperial geht ins dunkelrot, fast schon dunkelbraun, sodass man sich dahinter sicher verbergen kann, um auch bei sengender Hitze vor Sonnenbrand geschützt zu sein. Unzählige, weite Blumenwiesen, Grapefruit- und Zitronenhaine säumen den Pilgerweg dieses Bieres und umwehen die Nase. Auch der ein oder andere Kirschbaum steht am Wegesrand. Voller reifer Früchte grüßt er den passierenden Wanderer und versüßt ihm seine Reise. Mit 6% und einem solid-kräftigen, jedoch nicht übermäßig fülligem Körper kommt das Imperial eher leichtfüßig daher. Genau das Richtige, will man weitere Etappen noch frohgemut antreten und die Heimstatt sicher und ohne Umschweife erreichen.

Seelenfrieden am Zapfhahn. Kampai!

Ich kann also wärmsten empfehlen, verschlägt es einen in diese Ecke Japans, nicht nur die Tempelanlagen von Ise in den Blick, sondern auch die Biere von Kadoya ins Glas zu nehmen. Diese weisen vielleicht nicht den direkten Weg der kami, der Shintō-Götter. Aber manchmal reicht ja auch ganz profan ein gutes Bier zur Glückseligkeit.

^dd

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