Archiv für den Monat: März 2017

Merke Dir, Sternburgbier. Eine deutsche Brauerei und die Schwierigkeit von Tradition (Gastbeitrag)

Stefan Gerbing und Carsten Henning interessieren sich für Geschichtspolitik – und für Bier. Der folgende Text beruht auf einer gemeinsamen Forschung der Autoren für die Sterni-Konferenz der Kollektivkneipe Tristeza und einem auf dieser Grundlage entwickelten Vortrag für die Gedenkstätte für Zwangsarbeit Leipzig (04.12.2014). Eine frühere Version dieses Textes erschien im Magazin *prager frühling. Wir danken den Autoren, dass sie uns den Text für den Blog zur Verfügung gestellt haben.


Foto: privat

Seit einigen Jahren gehört Sternburg zu den absatzstärksten deutschen Biermarken. Als Teil der zur Dr. Oetker AG gehörenden Radeberger Gruppe hat es das Ende der neunziger Jahre akut von der Schließung bedrohte Brauhaus in Reudnitz geschafft, die Marke unter den Top-15 der meistverkauften Biere zu etablieren. Dies ist besonders bemerkenswert, da Sternburg ausschließlich im Osten der Bundesrepublik vertrieben wird.

Das Marketing der Brauerei setzt seit gut einem halben Jahrzehnt auf ein deutlich subkulturell gefärbtes Marken-Image. Während bis 2009 SchlagersängerInnen wie Linda Feller und Frank Schöbel sowie Künstler wie der jüngst verstorbene Achim Mentzel die „Brauereifeste“ prägten, treten heute Punkbands wie Heckschaden, Kotzreiz oder die Terrorgruppe auf. Am Beginn dieses radikalen Imagewandels stand der Besuch eines Sternburg-PR-Teams auf der „Freiheit-statt-Angst“-Demo 2011. Aus einer umgebauten Polizeiwanne mit dem Schriftzug „Brauerei“ statt „Polizei“ verteilten Mitarbeiter Bier an die Demonstrierenden.

Geschichtsmarketing mit Lücken

Demgegenüber bezieht sich die Firma aber auch ausdrücklich auf die vermeintlich fast zweihundertjährige Geschichte der Marke. Anlässlich des entsprechenden Jubiläums druckte die Brauerei stolz die Zahl 190 auf Sternburg-Jubiläums-Shirts und auf die Flaschenetiketten. Eine Art Chronik auf deren Webseite ist mit der Überschrift „Bier mit Tradition“ versehen. Wie jedes History-Marketing, insbesondere in Deutschland, provoziert dies Fragen. Weiterlesen

Der Affenkönig aus der Knallhütte – eine Traditionshudelei zu Hütts Weizenbock 1838

Beliebt bei Jung und Alt: Das Bananenwunder aus der Knallhütte

Wenn es einen aus irgendeinem zweifelhaften Grund in die nordhessische Provinz verschlägt, oder man die Bürde mit sich herumträgt, dort aufwachsen zu müssen, man noch dazu nah am Gerstenwasser gebaut ist, dann kommt man früher oder später ganz gewiss in Kontakt mit den Bieren der Hütt-Brauerei aus dem schönen Gemeindekonglomerat Baunatal. Hütt braut dort seit 1752 auf der Knallhütte, einer Brauerei mit Gasthaus und Biergarten. Seit neun Generationen in Familienbesitz und ehedem die erste Station der Postkutsche von Kassel nach Frankfurt. (Heute wenig pittoresk direkt an der A49 gelegen, kurz vorm Kreuz Kassel-West.)

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Biertipps für die Leipziger Buchmesse 2017

Gute Lektüre und gutes Bier – passt wie Arsch auf Eimer (Foto by mcfarlandmo (CC BY 2.0)

Die Leipziger Buchmesse steht wieder vor der Tür. Das heißt, die Straßenbahnen sind wieder vier Tage lang gefüllt mit kostümierten Cosplay-Kids und die Kneipen vier Nächte mit trinkfesten Literaten, LeserInnen, Verlagsmenschen und Buchnerds. Im diesjährigen Messerummel gibt es auch  wieder einige Termine rund ums Thema Bier, die wir Euch ans Herz legen möchten: Weiterlesen

Bier in Thüringen – Zu Besuch in der „Bierwelt“ in Erfurt (Gastbeitrag)

Wie Phönix aus der Erfurter Asche ist unser Gastautor Mario wieder aufgetaucht und berichtet über den neuen, besser den ersten Erfurter Bierladen. Mario bloggt sonst selten über Bier sondern unter anderem hier über Literatur, Kunst und Kultur.

Seit November 2015 hat die Bierwelt, das erste Bierfachgeschäft in der Thüringer Landeshauptstadt geöffnet. Seit Anfang Januar 2016 bin ich ein regelmäßiger Besucher. Ich kann nicht anders, als immer wieder zu kommen. Die Gründe dafür sind vielfältig. In besagtem Januar durfte ich mich sehr über eine Privataudienz nach Ladenschluss mit Inhaber Carsten Roth freuen. Bei der ein oder anderen verkosteten Flasche habe ich schnell gemerkt, dass hier ein herzlicher Mensch mit viel Leidenschaft bei der Sache ist. Ins Fachsimpeln kommen Bierliebhaber und Heimbrauer ohnehin recht schnell und wenn man einen gewissen Draht zueinander findet, klappt es umso besser. Entscheidender ist aber die überaus gute und differenzierte Beratung, die Carsten und natürlich auch seine Frau Antje zu bieten haben. Vom „Normalbier-Trinker“ über den „craft-Neuling“ bis hin zu Nerds und Experten wird hier nicht nur jeder fündig, sondern dank Hinweisen und Expertise auch glücklich werden. Weiterlesen

Die Tränen des Fleischers

Butcher’s tears aus Amsterdam

„Seit Tagen schaut er traurig. Steht hinter der Theke seiner Metzgerei und sieht nach draußen.  Seine Stammkunden wissen, dass er selten lacht. Er macht seine Arbeit ohne Ausnahme perfekt, er hat immer Zeit für einen kurzen Plausch, er packt immer alles gut ein, wenn es geschnitten und zerhackt ist. Seine Kunden, die keine Stammkunden sind, schätzen ihn, weil er ihnen Bier unter der Theke verkauft. Zumeist polnische Bauarbeiter, gute Jungs mit ehrlichen Augen. Fern der Heimat, sanieren sie unsere Städte damit wir es schön haben. Weiterlesen