Die Tränen des Fleischers

Butcher’s tears aus Amsterdam

„Seit Tagen schaut er traurig. Steht hinter der Theke seiner Metzgerei und sieht nach draußen.  Seine Stammkunden wissen, dass er selten lacht. Er macht seine Arbeit ohne Ausnahme perfekt, er hat immer Zeit für einen kurzen Plausch, er packt immer alles gut ein, wenn es geschnitten und zerhackt ist. Seine Kunden, die keine Stammkunden sind, schätzen ihn, weil er ihnen Bier unter der Theke verkauft. Zumeist polnische Bauarbeiter, gute Jungs mit ehrlichen Augen. Fern der Heimat, sanieren sie unsere Städte damit wir es schön haben.

Hinter den Schaufenstern seiner Metzgerei liegt Amsterdam. Aber es ist nicht das hell leuchtende Amsterdam. Die Gassen um seinen Laden sind finster. Hierhin verdrängen sie die Bordsteinschwalben, ins Unsichtbare, an einen Ort der Vorillegalität. Er hat nichts gegen die Frauen, er hofft, dass es ihnen gut ergeht.

Jennifer war schon seit Tagen nicht mehr bei ihm. Er fragt sich, was mit ihr los ist. Mit Jennifer trinkt er immer nach Feierabend in seinem Laden drei Bier. Er und sie stehen dann einfach da, stehen im Licht seiner Auslagen und sehen sich an: tun so, als ob sie sich verlieben könnten.“


Tränen kommen ihnen nur selten.  Aber an manchen Biergläsern findet man noch deren Spuren. Dann schmeckt das zweite Bier ein wenig salziger als das erste. Und das dritte salziger als das zweite – von den Tränen des Fleischers. Butcher’s Tears bekommt ihr in Leipzig nicht nur im Lazy Dog, in der Südvorstadt, sondern auch in der Vleischerei in Plagwitz. Letztere haben aktuell das Green-Cap, ein geerdetes American Pale Ale, das nicht allzu viele Sperenzchen macht. Noch dazu gibt es das leichte, sacht gehopfte Saison en enfer – das geht gut runter und ist weniger Rimbaud’scher Höllenritt in die Untiefen, als vielmehr feucht-fröhlicher Sonntagsausflug an die Prinsengracht. Unser Liebling ist das La Condition Humaine VI: Livin’ Sacrifice. Das IPA kommt übertrieben spritzig daher, will mit einer mächtigen Schaumkrone angeben, ist aber auch anständig fruchtig, mit einem Körper so robust, dass man sich damit in jeden Faustkampf wagen kann. Das Livin‘ Sacrifice endet bitter. Wie sollte es auch anders sein.

^sm & dd

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